Welpenbesuch
Ganz besonders ungeschickt ist, die Mutterhündin oder die Welpen mit „Sozialkontakten“ oder Konfliktsituationen zu überfordern. Dazu gehört leider auch der Welpenbesuch. Viele Freunde und Bekannte und natürlich ganz besonders die Welpeninteressenten haben mitgefiebert und würden gerne lieber gestern als heute den Wurf „live“ sehen. Ganz besonders meinem kleinen Freund Tristan, der die Wurfkiste mit gebastelt hat, fällt das sehr, sehr schwer, sich in Geduld zu üben…
Eine instinktsichere Hündin lässt die Nähe fremder Personen und auch anderer Hunde nicht zu. Sie zu zwingen, birgt die Gefahr, dass die Kleinen Stress mit dem Menschen verbinden. Außerdem nimmt man ihnen die Sicherheit ihrer Fluchthöhle. Diese brauchen sie jedoch dringend für eine gute Entwicklung.
Richtig, die kleinen hören und sehen noch nichts. Aber sie riechen. Sie können die Angst ihrer Mutter und den Besuch riechen und sie verknüpfen das unter Umständen miteinander.
Dosierter Stress ist sicher nicht falsch. Schließlich ist der Kampf um die besten Zitzen auch kein „Zuckerschleckern“. Hier wird geschubst und gekratzt. Jeder ist sich selbst der nächste. Das ist manchmal schon ganz schön ärgerlich, wenn man nicht bis zu „Theke“ durchkommt. Und dann wird gequickt und geschrien, was das Zeug hält. Die Mama kümmert das meist nicht. Kurz bevor dem zweibeinigen Helfer an der Wurfkiste das Herz bricht, hilft er dann ab und zu und erlöst den Schreihals von der Pein des leeren Magens. Die Hündin weiß instinktiv, dass ohne Frustrationstoleranz auch in einem Hundeleben nichts geht. Gut für den Nachwuchs, das schnell zu lernen und nicht zu schnell aufzugeben.
Klar, es ist nicht möglich, das Haus von „Störungen“ frei zu halten. Das normale Familienleben geht weiter! Handwerker und die Haushaltshilfe müssen ins Haus. Der Staubsauger, die Waschmaschine, die Spülmaschine und viele andere Lärmfaktoren sind präsent. Gut, wenn die Hündin das alles nicht stört oder sie das aus Vertrauen ihrem Menschenrudel gegenüber nicht „überbewertet“.
Die Hündin zeigt klar, wann ihre Grenzen erreicht sind. 2 bis 3m um die Wurfkiste herum ist ein Bannkreis, den nur die Familie betreten darf. Sonst knurrt und grummelt sie deutlich. Auch die Rudelkollegin Enna wurde anfangs überhaupt nicht geduldet. Nur nach und nach und in Präsenz eines Familienmitglieds durfte sie bis auf 2m in das Esszimmer herankommen. Das hat seinen guten Grund. Hunde können an Hand des Geruchs unterscheiden, ob die Welpen genetisch von ihnen abstammen. Beim Menschen ist dieses Phänomen bei der Partnerwahl auch noch rudimentär vorhanden. Deshalb können wir manche Menschen „nicht riechen“, während uns der Geruch bei anderen nicht stört. Bei Hündinnen besteht immer das Risiko, dass sie den Nachwuchs einer anderen Rudelkollegin nicht akzeptieren und töten. Im Wolfsrudel ist das vollständig normal. Nur die Mutterwölfin ist berechtigt Nachkommen zu werfen. Die Töchter müssen das Rudel verlassen um sich zu reproduzieren. Werden sie doch trächtig, müssen sie das Rudel verlassen oder der Nachwuchs wird eliminiert.
Aus diesen Gründen bleiben die Rudelschwester ebenso wie der Besuch zunächst der Kiste fern. Erfahrene Züchter beginnen die ersten Kontakte mit fremden Menschen nach 2 Wochen, wenn die Welpen hören und sehen können. Deshalb darf Tristan am Wochenende als erstes Kind die Welpenkiste aus der Nähe beobachten … so lange wie Ally, das zulässt.
Anfassen würde die Kleinen aber noch überfordern. Damit beginnt man am besten, wenn die Welpen ein Alter von 4 Wochen erreicht haben. In diesem Alter ist auch schon der Spieltrieb vorhanden. Baut man diesen ebenso wie den Wunsch nach positivem Körperkontakt geschickt ein, lernen die Zwerge „spielerisch“ und damit angstfrei solche Situationen zu meistern. Auch hier kann man langsam die Dosis steigern. Natürlich sollte nicht ein tapsiges Kleinkindhändchen das erste sein, dass einen Welpen traktiert. Sammelt der Hund zu viele negative Erfahrungen mit Kindern und wird er später keine Geduld mit Kindern haben und scih diese sprichwörtlich „vom Hals halten“. Später ist der Kontakt auch mit kleineren und etwas unvorsichtigeren Kindern wertvoll! Hier kann der Welpe auch schon lernen zu äußern, was er mag und was nicht. Respekt vor diesen Grenzen muss jedoch unbedingt sein. Ich weiß noch genau, wie ich am liebsten die vielen gut meinenden Hände hätte beißen können, die ungefragt auf dem Kopf meiner Tochter im Tragetuch herumgetapst haben. Warum sollte eine Hundemamma oder ein Welpe anders reagieren?
In den letzten beiden Wochen vor der Abgabe darf im vertrauten Rudel noch so richtig etwas los sein. Doch davon ein anderes Mal mehr!



